Wir sind St. Pauli – Nur was sind wir?
eine Initiative von magischerFC.de (der Aufruf) & lichterkarussell
„warum bist du eigentlich bei st.pauli?“. Kurzfassung? Mein Freundin war daran Schuld.
Nein, natürlich will ich ihr es nicht in die Schuhe schieben. Und ja, ich trage selbst die Verantwortung dafür. Aber eigentlich bin ich unschuldig (ich meine schuldlos) zu St. Pauli gekommen. Wie ich schon schrieb, meine Freundin war daran Schuld.
Aber wie konnte es dazu kommen? Es ist schon viele Jahr her, damals war noch nicht an гласность & перестройка zu denken. Und obwohl sie meine Freundin war, waren wir immer der Meinung 'gegensätze ziehn sich an'. Was ich damit meine? Sie war Fan von Lok Leipzig, ich war es von Chemie. Sie war Fan von Manchester United, ich war es vom FC Liverpool. Sie war schön, ich (ist ja auch egal) … . Und sie war Fan vom HSV. Da hatte ich gar keine Chance. Ich musste, getreu unserem 'gegensätze ziehn sich an'-mist, einfach Fan vom FC St. Pauli sein. Es ging gar nicht anders. Und dass wir nun schon seit 36 Jahren befreundet sind, was sagt es über uns aus?
Lange Zeit konnte ich nur in der Sportschau, wenn es mal die Ligazugehörigkeit zugelassen hatte, die Spiele sehen. Manchmal warst Du auf den NDR angewiesen und mit etwas Glück hattest Du mal einen Kicker in der Hand und konntest etwas über den Verein erfahren. Und durch die lieben Verwandten im Westen konnte man hier und da einen Schal oder ein Aufnäher ergattern. Und trotzdem, es war eine Liebe ohne Leidenschaft.
Also, wie man seine erste Liebe nicht vergessen kann, so kann man sein erstes Mal nicht vergessen. Und auch hier bin ich eigentlich dazu gekommen wie die Jungfrau zum Kind. Ich war mal wieder, lebte ich ja schon seit 1988 im Westen, zu Besuch in Leipzig. Und es war ein Dienstag. Es war der 24. August 1993. FC Sachsen Leipzig gegen den FC St. Pauli. DFB Pokal, 2. Runde. Ja, damals schaffte es der FC St. Pauli sogar in die 2. Runde. Und durch den Sieg im Elfmeterschießen (5:6) sogar in die 3. Runde. Trainer Seppo Eichkorn hatte Reinke, Stanislawski, Philipkowski, Schlindwein, Dammann, Gronau, Zander, Fröhling, Driller, Pröpper, Manzi, Sailer und Gatti das Vertrauen geschenkt. Und war ich nicht schon vorher von diesem Virus infiziert, jetzt war ich es ganz bestimmt. Jetzt war es nicht mehr nur Liebe, jetzt kam auch noch die Leidenschaft hinzu. Was ich damit meine? Ich glaube am besten beschreibt es Tabitha King in „The Book of Reuben“: „bald spulte sich vor seinem geistigen auge der ganze geschlechtsakt in allen details noch einmal ab, und kurz darauf musste er aufs klo verschwinden. dort stellte er fest, dass das onanieren nach der erfahrung der letzten nacht noch viel toller war als früher. offenbar nahmen die vorzüge kein ende.“. Ich weiß, es klingt komisch, aber wie soll ich es besser beschreiben?
Was also wusste ich von St. Pauli, von den Fans, vom Verein? Eben nur was man las oder im TV sah. Reeperbahn. Hafenstraße. Totenkopf. Zecken. Fußball. Millerntor. 1. Liga. 2. Liga. Amateur-Oberliga. Die Reihenfolge ist beliebig austauschbar. Aber vielleicht war es auch nur die Art, wie der Club, wie die Fans ihr Dasein lebten. Underdogs eben. Sowohl beim Fußball als auch bei den Fans. Zog es mich deswegen an? Ja und nein. Nun ja, doch eher ja. Über die Jahre sah ich hier und da mal ein Spiel im Stadion. Immer nur auswärts. Und meistens nicht mehr als drei Spiele pro Saison, eher weniger, wenn ich ehrlich bin. Und doch hielt ich mich für ein Fan, wenn auch ein eher passiver.
Und dann kamen gleich drei Dinge zusammen, die einzeln betrachtet eher nichtssagend sind. Aber zusammengenommen hat es mein jetziges Dasein beeinflusst. Was also ist passiert? 2001, St. Pauli stieg in die erste Liga auf. 2001 zog ich nach Hamburg. 2001 war mein Arbeitgeber ein Sponsor des FC St. Pauli.
Für mich war klar, daß wenn ich nach Hamburg ziehe, ich auf jeden Fall zum Fußball gegen wollte. Und klar war auch, daß es unbedingt der FC St. Pauli sein sollte. Und mir war völlig egal in welcher Liga sich gerade der FC St. Pauli befand, ich wäre auch zu den Oberligaspielen gegangen. Ja. Und dann arbeite ich in dem Hotel, in welchem die Mannschaft immer vor den Heimspielen übernachtet und sich aufs Spiel vorbereitet hat. Glück? Zufall? Vorbestimmt? Ich weiß es nicht, aber so kam ich eigentlich immer zu einer Eintrittskarte, und dies in der ersten Liga. Schon in der folgenden Saison habe ich mir selbst eine Dauerkarte gekauft und ich habe seit dem immer eine Dauerkarte. Zuerst auf der Haupttribüne und durch immer irgendwelche Umzüge (zB Sitzplatz Nordkurve) nun schon länger auf der Süd.
Was also hat sich seit dem für mich verändert? Was bedeute es mir heute, ins Stadion zu gehen, Fan vom FC St. Pauli zu sein? Nur Fußball? Fußball & Politik? Und was soll überhaupt die Politik im Stadion? Möchtest Du die Fragen für Dich selbst beantworten? Denn auch darum geht es. Nicht was ich darüber denke. Wichtig ist was Du darüber denkst, warum bist Du eigentlich bei St. Pauli? Ich für meinen Teil kann ja ganz verschroben denken, dazu bin ich nicht größer als ein Sandkorn im Getriebe. Aber Du, Du als immer größer werdende Masse, was bedeutet es Dir? Was ist Dir wichtig?
Veränderungen sind nicht immer sichtbar, dafür aber fühlbar. Schon zu Zeiten von Chemie war ich mehr auf den Sitzplätzen als in der Kurve zu finden. Auswärts war es anders, da stand ich im Block, mit und für meine Gruppe. Und nicht immer wars ein Kindergeburtstag. Und bei St. Pauli? Da saß ich eben auch immer nur, eben auf der Haupttribüne, viele Jahre. Auswärts war es anders. Natürlich. Vielleicht auch, weil ich (in meiner Betrachtungsweise) auswärts mehr zeigen mußte, daß ich St. Pauli Fan war/bin. Und im Endeffekt muss ich eigentlich dankbar sein, daß ich immer wieder umziehen mußte, denn so kam ich auf die Sitzplätze der Nordkurve und wusste spätestens da, daß es für mich nur eines geben kann: Stehplatz Südkurve. Was ich auswärts ja schon länger praktizierte, eben mitten im Block zu stehen, zu toben, zu brüllen, zu singen, dies war nach einem toten verschenkten Jahr auf der Nord wie eine Wiedergeburt. Oder um es anders zu sagen, ich lebte völlig gegen den Trend. Denn mensch entwickelt sich ja vom Stehplatzfan hin zum Sitzplatzopa, oder? Und ich kann mir nichts anderes mehr vorstellen. Was in 20 Jahren sein wird, dies weiß ich natürlich heute noch nicht. Und zum Glück bin ich nicht der Einzige, der die 3, die 4 oder gar 5 vor der nächsten Zahl stehen hat. Und auch deshalb bin ich bei St. Pauli.
Es ist schön über einen großen Erfahrungsschatz zu verfügen. Was nicht bedeuten soll, daß man immer darauf stolz ist und daß es immer kluge und richtige Entscheidungen waren. Doch durch den Vergleich, daß ich ja schon zu DDR Zeiten eine „Fußballkarriere“ erlebte, kann ich auch sagen warum ich jetzt eben auch bei St. Pauli bin und eben nicht beim HSV oder einem anderen Verein.
Ja, Politik gehört auch ins Stadion. Sich zu positionieren, seine Meinung zu äußern, Proteste ankurbeln, Widerstand entwickeln. Nicht nur-Fußball-Fan sein. Hast Du denn keine Meinung? Ist Dir Deine Stimme zu unwichtig? Ist Dir alles egal? Was ist mit dem Nazi neben Dir? In der Ubahn oder auch im Stadion? Keine Meinung? Was ist mit den dumpfen Sprüchen, daß der Schiri eine Schwuchtel ist? Kein Protest? Was ist mit dem ach so beliebten „du dumme fotze“? Willste da nicht auch lieber ausrasten? Und „der Nigger“ aufm Feld, noch nie gehört? Isses Dir wirklich egal? Und siehe da, es ist Politik. Also sage mir nicht, daß Politik nichts im Stadion verloren hat. Hier gehört sie hin! Und deswegen bin ich froh bei St. Pauli zu sein. Denn hier ist es niemanden egal was gesagt oder gebrüllt wird. Und hier ist Politik ein großer Bestandteil der Fankultur.
Und überhaupt, was ist denn keine Politik? Der Protest in den eigenen Reihen, siehe Jolly Rouge. Der Protest wie zB beim Heimspiel gegen Hansa Rostock, als Gästefans in ihren Rechten beschnitten wurden. Der Aufruf zum „schottern“ ist auch ein Protest und es ist immer Politik. Eine Fanszene die nur dumpf zum Fußball geht und dann wieder heim, sich eventisieren lässt mit „bitte“, „danke“, „sonst wer“ ... „eiiiiiiins“ & „sonst wer“ ... „nuuuuul“, dies will ich nicht haben, da kann ich es auch am TV verfolgen. Nein Danke.
Was aber hat sich denn noch verändert? Hätte ich bei einem anderen Verein angefangen Berichte zu schreiben? Ich weiß es nicht, aber sicher nicht so konsequent wie bei St. Pauli. Wären wir, wäre ich auf die Idee gekommen einen Fanclub zu gründen? Ein Fanzine herauszubringen? Fahnen zu malen, Tapeten zu beschriften? Wäre ich bei einem anderen Verein auf die Idee gekommen und hätte knapp 2.000 Puschel hergestellt um sie bei einem Spiel gegen Osnabrück (20-03-2008) auf der Haupttribüne zu verteilen? Überhaupt, keine Ahnung, aber ich fühle mich immer zum mitmachen animiert. Also jetzt nicht in Bezug aufs Spiel oder Stadion gemünzt, nein. Eher die außer-fußballerischen Aktivitäten die rund um den Stadtteil, den Verein, die Fanszene passieren. Sei es der Zeckensalon, Schwarzmarktaktion, Erinnern für die Zukunft, Viva con Aqua. Nicht zu vergessen die Fanräume eV und natürlich unser Fanladen. Und da gibt es noch viel viel mehr. Wäre so was bei einem anderen Verein möglich, so in dieser Form? Aber bitte, beantworte die Frage für Dich selbst.
Und was ich mir wünsche? Also für mich, den Verein, die Fanszene?
Schwer zu sagen, da bin ich ehrlich. Natürlich ist Fußball immer noch wichtig. Und ja, ich will lieber in der ersten Liga dabei sein statt über die Dörfer tingeln zu müssen. Da sind wir uns doch einig? Aber wenn dies über den Ausverkauf gehen sollte, dann wohl doch eher die Dörfer. Und daher wünsche ich mir den sportlichen Erfolg und den Protest gegen den Ausverkauf. Beides gemeinsam sollte, ja muss möglich sein. Und genauso sollte, ja muss es möglich sein, daß die Unterstützung der Mannschaft auch auf optische Glanzpunkte setzen darf. Hier ist auch mal der Verein gefragt. Wozu sitzen die Leute in der DFL? Was ich damit meine? Pyrotechnik, jawohl. Ich für meine Person betrachtet, ich stehe da drauf. Es ist ist kein Verbrechen. Es ist ein Stilmittel. Und da könnte der Verein auch unterstützend dazu beitragen. So lange es illegal, ja fast verbrecherisch behandelt wird, so lange wird es immer in der Grauzone eines Blocks durchgezogen. Lässt man aber die optischen Reize zu, begreift es als Support, bietet Freiräume, dann haben wir eine Kurve(n) die sich auch entwickeln kann. Bremst man die Fans aus .... wer will schon sein wie Hoffenheim? Und nein, Fan – Verein – Mannschaft ist nun mal keine Einbahnstraße. Es muss sich immer wieder befruchten.
Warum also bin ich eigentlich bei St. Pauli? Nun ja, weil das Forum nicht wirklich das reale Leben ist. Da draussen, im Viertel, im Stadion, im Jolly und im Fanladen, da ist das wahre Leben. Da lohnt es sich zu leben.
Ach Unsinn.
Wir sind St. Pauli – Nur was sind wir?
UND WARUM BIST DU EIGENTLICH BEI ST. PAULI?
Jens